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Katharina Schilling

Canny Codes

27. April 2018 - 30. June 2018

Look inward!

We find ourselves in the art classroom of Ferguson High School. The attending students are being asked to interpret a contemporary painting. Their ability to think symbolically is being tested.

The teacher darkens the room and sends his students on a quest to access the collective unconscious, where the translation of visual codes into language is stored.

The answer is in the air! he calls out to them.

Saying something is in the air is a trivial expression for the belief—deemed to be not at all trivial by this school—in a morphic field that connects us all and where the entire knowledge of humankind—every relevant human experience and discovery—is stored.

There is no teaching at this school—here alternative accesses to knowledge are explored, here methods for the step-by-step elevation of the students’ spiritual receptivity are probed, here the dichotomy of spirituality and intellect is examined.

A couple of kilometers away at a state school the same painting is being discussed, the same questions arise. This is part of the curriculum. Here, however, no student is urged to embark on a spiritual journey into the Aether. Here, a down-to-earth and equally progressive questioning of cultural memory is advised. In other words: Get out your phones and google it. The teacher recommends a couple of search terms via Messenger: Symbolism, Freud, dream interpretation.

Only a small percentage of the students use their phones to actually do what the teacher requests. The others use their phones as habit dictates and reap bad grades.

The first student volunteers.

Rhubard: eating it means trouble at work.

Ah. Very good. Anyone else?

A timid hand is raised.

Thumb: to know your own strength.

Meanwhile at Ferguson High, the teacher, frustrated by the lack of results of the rapidly progressing period, prompts the administration of mild, psychoactive drugs by the school nurse.

Here, the Internet, after an initial enthusiasm, is now regarded with skepticism. According to the prevalent point of view here, it has forfeited its aspiration to be a universally and democratically available cultural memory.

Ever since the age of wireless transmission and location-independent accessibility, it has furthermore been suspected of wanting to create an artificial morphic field—a heinous fake swallowing up the real morphic field. Human consciousness is regressing. A tendency one wishes to resist here. The director speaks of the hope he reposes in the children, of true science, of healing.

Shortly after the oral intake of the drugs twelve-year-old Micky stands up.

I refuse interpretation. It’s fine for me that there are things I don’t understand. I content myself with the existence of secrets. I lack the curiosity, the belief in the fathomable, the belief in the translatability of one symbol system to another. A painted vegetable is a mystery.

Micky stops for air, hums a small melody and eventually resumes her train of thought.

When the synesthetic rush collides with the logic of the system, a conflict ensues, that is difficult to handle dialectically. In the reality of art, however, this conflict can be resolved via synthesis. Art is capable of simulating synthetic processes that bring things together that don’t belong together. This is its great quality and social responsibility.

The recess bell rings. How odd, the teacher thinks, as the students slowly leave the classroom. How odd, that no one made the connection of rhubarb and workplace problematic. Was the dosage to small? What Micky had just launched into was of an alarmingly destructive force. Maybe he also hadn’t understood it.

by Carsten Tabel

About

Katharina Schilling (*1984, Cologne) received an MA from the Academy of Visual Arts Leipzig. She has been the recipient of numerous grants and awards, including the ISCP residency, New York, a grant from DAAD’s London branch or the Marion Ermer Prize, awarded by Museum der bildenden Künste Leipzig. Schilling’s work has been presented in art spaces throughout Europe including Cologne, Düsseldorf, Berlin, Frankfurt, Hamburg, Leipzig, Bologna, Vienna and London.

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Geht in Euch!

Wir befinden uns im Kunstraum der Ferguson High School, wo die anwesenden Schülerinnen und Schüler gerade zur Interpretation einer zeitgenössischen Malerei aufgefordert wurden. Ihre Fähigkeit symbolisch zu denken steht auf dem Prüfstand.

Der Lehrer verdunkelt den Raum und schickt die Schüler auf die Suche nach einem Zugang zum kollektiven Unbewußten, wo die Übersetzung visueller Codes in Sprache gespeichert liegt.

Die Antwort liegt in der Luft! ruft er ihnen zu.

Dass etwas in der Luft liegt, ist ein volkstümlicher Ausdruck für den, wie man an dieser Schule findet, überhaupt nicht volkstümlichen Glauben an ein uns verbindendes morphisches Feld, in dem das gesamte Wissen der Menschheit, alle relevanten menschlichen Erfahrungen und Erkenntnisse, gespeichert sind. An dieser Schule wird nicht unterrichtet, hier werden alternative Wissenszugänge erforscht, hier sucht man nach Methoden, um spirituelle Empfänglichkeit bei Schülern stufenweise zu steigern, hier untersucht man die Dichotomie von Spiritualität und Intellekt.

Ein paar Kilometer weiter in einem staatlichen Schulhaus wird das gleiche Bild besprochen, die gleichen Fragen kommen auf. Der Lehrplan will es so. Aber hier wird kein Schüler dazu gedrängt, sich auf spirituelle Reisen in den Äther zu begeben. Hier rät man, bodenständig und fortschrittsgläubig, zur Befragung des kulturellen Gedächtnis. Mit anderen Worten: Telefone raus und googeln. Der Lehrer empfiehlt per Messengerdienst schnell noch ein paar Suchbegriffe: Symbolsprache, Freud, Traumdeutung.

Nur ein kleiner Prozentsatz der Schülerinnen und Schüler macht mit ihren Telefonen auch das, was der Lehrer verlangt. Die anderen machen mit ihren Telefonen, was die Gewohnheit ihnen befiehlt und kassieren schlechte Noten.

Der erste Schüler meldet sich.

Rhabarber: ihn essen bedeutet Ärger am Arbeitsplatz.

Aha. Sehr gut. Noch jemand?

Eine Hand geht zögerlich nach oben.

Daumen: sich der eigenen Stärke bewusst sein.

An der Ferguson High veranlasst unterdessen der von der Ergebnislosigkeit der schnell voranschreitenden Stunde frustrierte Lehrer die Verabreichung sanfter, psychoaktiver Drogen durch die Schulschwester.

Hier steht man dem Internet nach anfänglicher Begeisterung inzwischen skeptisch gegenüber. Den Anspruch, ein überall und demokratisch zur Verfügung stehendes kulturelles Gedächtnis zu sein, hat es nach hier herrschender Auffassung verwirkt. Seit es in das Zeitalter der kabellosen Übertragung und ortsunabhängigen Zugänglichkeit eingetreten ist, verdächtigt man es darüber hinaus, ein künstliches morphisches Feld erzeugen zu wollen, eine abscheuliche Fälschung, die das echte morphische Feld verschluckt. Das menschliche Bewußtsein entwickelt sich zurück. Eine Tendenz, der man hier entgegenwirken will. Der Direktor redet von Hoffnung, die er in die Kinder setzt, von echter Wissenschaft, von Heilung.

Nach der oralen Einnahme der Droge dauert es nicht lange und die zwölfjährige Micky steht auf.

Ich verweigere die Interpretation, mir reicht es, dass es Dinge gibt, die ich nicht verstehe. Ich begnüge mich mit der Existenz von Geheimnissen. Mir fehlt die Neugier, der Glaube an die Ergründbarkeit, der Glaube an die Übersetzbarkeit von einem Zeichensystem in ein anderes. Ein gemaltes Gemüse ist ein Geheimnis.

Micky holt kurz Luft, summt eine kleine Melodie und setzt schließlich den Gedankengang fort.

Wenn synästhetischer Rausch mit der Logik des Systems kollidiert, entsteht ein Konflikt, der sich dialektisch nur schwer bewältigen lässt, in der Realität der Kunst allerdings über Synthesen gelöst werden kann. Kunst ist in der Lage, synthetische Prozesse zu simulieren, die zusammenbringen, was nicht zusammengehört. Das ist ihre große Qualität und ihre bürgerliche Pflicht.

Die Glocke läutet zur Pause. Merkwürdig, denkt der Lehrer, während die Schüler langsam das Zimmer verlassen. Merkwürdig, dass niemand den Zusammenhang von Rhabarber und Arbeitsplatzproblematik erkannt hat. Ob die Dosis zu klein gewesen ist? Was Micky da gerade losgelassen hat, war von beängstigender Destruktivkraft. Vielleicht hat er es auch nicht verstanden.

 Carsten Tabel

Über die Künstlerin 

Katharina Schilling (*1984, Köln) studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Preise, unter anderem das International Studio and Curatorial Program ISCP, New York (2017); das DAAD Stipendium, London (2015) und den Marion Ermer Preis (2016). Schillings Arbeiten wurden bereits in Köln, Düsseldorf, Berlin, Frankfurt, Hamburg, Leipzig, Bologna, Wien und London ausgestellt.